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2015

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Sonntag, 27 Dezember 2015 11:05

Das Fremde

Heute früh erwacht. Es ist still. Ein Sonntag nach einem Feiertag. Nebel über der Stadt. Tiefhängend.

Die Katze schnellt aus der Stube, wie ich in die Küche schlurfe. Miaut gebieterisch. Futter her.

Vorerst bekommt sie nichts. Eine der wenigen Regeln: Futter kommt erst nach meinem ersten Kaffee. Halbwegs hat sie’s schon akzeptiert.

Smartphone-Check. Blick ins Facebook. Foto vom Türschild einer Notfallstation. Diskushernie. Ohje – und Das an den Festtagen. Bisher her nur wenig Beileidskundgebungen. Der Eintrag ist noch zu frisch. Noch schläft wohl alles an dem arbeitsfreien Tag.

Dann: Der politisch ambitionierte SVP-Berufsmilitär aus der Region ist auch aktiv; postet ein Video. Ich sehe es mir an. Es beunruhigt.

Frankreich, Calais. Aus dem Auto gefilmt. Improvisiert. Dutzend, vielleicht hunderte Migranten unterwegs in dem Nieselregen, in kleinen, losen Gruppen. Ausdruckslos. Überqueren Strassen, gehen an ihr lang. Kein Ziel erkennbar. Eine gesichtslose Vorstadtwüste, Autobahnzubringer, Kreisel, Autos, welche die Migranten passieren, warten, wenn diese über die Strasse gehen. Calais. Nass, alles nass. Draussen. Und drinnen im Auto ist es trocken, wie bei mir, der ich auf das Smartphone schaue.

Calais, das geschlossene Tor zur Insel. Wo sich die Hoffnung staut, verpufft. Sich vielleicht einmal entladen wird.

Ein trefflicher Weihnachtsbeitrag, lieber M. Die Frage ist nur, was wir aus diesem Wissen machen. Ich mache keine Notiz ins Facebook. Die Kurzschlüsse aus der Hardcore-Meute seiner Partei sind schon gepostet. Die kennen auch keine Weihnacht.

 

Published in Madisch's Tagebuch
Sonntag, 20 Dezember 2015 10:55

Der Name

Die Katze stand an der Verandatür und wollte herein. Ich gab ihr Obdach. Die Suche nach ihrem Zuhause blieb ergebnislos. Sie hatte keinen Chip. Sie wollte bleiben. Nun ist sie da.

Einmal noch macht sie sich auf und davon.

Ich schaute ihr nach und dachte: Schade, aber es ist besser, sie geht nach Hause.

Am folgenden Tag vermisste ich sie. Ich wollte sie rufen. Doch wie? Sie hat keinen Namen. Ich blieb stumm. Verstohlen blickte ich auf meinem Nachhauseweg in jede Ecke.  Sie war irgendwo verschwunden, nun auch bei mir, Madame Disparu.

Eine Katze lässt sich doch nicht 'Madame Disparu' rufen. Vielleicht Mundart verballhornt: 'Dischparü'?

Ich nehme das 'Ma' von Madame und das 'Disch' von Dischparü – das gibt Madisch.  Das ist gut. Dann könnte ich sie gleich mit Englisch-Mundart necken; MAD-isch.

Jetzt hätte sie einen Namen, wäre sie nicht verschwunden. Wie ich nach Hause komme, sitzt sie vor der Verandatür. Miaut fordernd. Sie hat Kohldampf. Hereinspaziert, Madisch.

 

Published in Madisch's Tagebuch